Faszination Formfleisch - BB und der Raum der Moderne
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yvarex

Anmeldedatum: 02.01.2003 Beiträge: 1267 Wohnort: Bayrisch Kongo
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Verfasst am: 31.08.05 | 09:22 Titel: Faszination Formfleisch - BB und der Raum der Moderne |
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Hab ich beim stöbern im INet entdeckt, aber selbst noch nicht ganz gelesen. Vielleicht ist hier jemand daran interessiert.
Quelle: http://emptyrooms.hfg-karlsruhe.de/scheller.php?id=1
Warm Up / Ouvertüre
Viel wurde geschrieben über Bodybuilding in den letzten Jahrzehnten. Die Intellektuellen entdeckten das menschliche Form- fl eisch als Indikator soziologischer, massenpsychologischer, ja geschichtlicher Verhältnisse. Anstatt Bodybuilding der Häme des Boulevards zu überlassen, wo traditionell der „Diskurs“ beheimatet war, wurde es nun auch akademisch stigmatisiert oder wissenschaftlich verortet, also patronisiert, etwa historisch-apologetisch wie in Bernd Wedemeyers lesenswerter Kulturgeschichte des Bodybuildings „Starke Männer, starke Frauen“ (Becksche Reihe, 1996), soziologisch-philosophisch wie in Gerd Würzbergs wunderbar wirrem Werk „Muskelmänner in den Maschinenhallen der neuen Körperkultur“ (rororo, 1987) oder wie an der University of Texas in Austin, wo das Roy J. McLean Sports History Fellowship die Zeitschrift „Iron Game History“ publiziert. Die Deutungsmuster waren vielseitig und oft unbekümmert. Da wurde von einem neuen Atavismus gemunkelt, der Körper zum Mythos erklärt, eine Identitätspolitik als Körperpolitik ausgerufen, allerlei Gender-spezifi sche Diskurse herbeigesponnen und Jean Baudrillard reihte das Bodybuilding refl exhaft ein in sein Reich des Selbstreferenziellen (wohin auch sonst). Im Feuilleton waren es meist überhebliche, nichtsdestotrotz ulkige Anmerkungen, wie, dass der Bodybuilder „ein Freizeit-Herkules“ sei, „die Welt seiner Abenteuer reicht nicht weiter als bis zum Rand seines Fitnessclubs“ (Zeit, 8.4.1994), oder aber: „Das kurzgeschnittene Blondhaar glänzt im Neonlicht. Mit animalischem Schrei stemmt der germanische Jüngling das Eisen“ (Spiegel, Nr. 25, 1998). Hinter all diesen putzigen Polemiken verbarg sich nicht zuletzt eine gewaltige Unsicherheit, wie mit dem PHänomen des Bodybuildings umzugehen sei. Das Kopfwerkzeug des Intellektuellen versagte. Doch ein Sachverhalt, ein Gegenstand möglicher Fragestellungen wurde bei fast allen Analysen übersehen, vielleicht, weil er am naheliegendsten ist, ja, fast banal erscheint: Die Beziehung zwischen Körper und Raum. Ich werde in diesem Essay in acht Sätzen à einer Wiederholung und abschließendem Cool Down der Frage nachgehen, wie die spezi- fi sche Beziehung des Bodybuilders, als einem Architekten seiner selbst, zum Raum beschaffen ist, in welchem er und seine Zeitgenossen sich bewegen. Vorweg möchte ich anmerken, um eventuellen Anfeindungen vorzubeugen, dass dieser Text einer etwas schizophrenen Gestaltungsweise unterliegt. Zunächst gibt er sich seriös-wissenschaftlich, akademisch, informiert, und wartet mit einem selbstbewußten Begriffsdropping auf, doch entschließt er sich bald, in einem unverbindlichen Plauderton ein wenig mehr narratives Entertainment zuzulassen, bis er sich schließlich einem sinnstiftenden Epilog verweigert, in einer wolkigen Ausfl ucht verpufft und sich damit als das offenbart, von was er behauptet, dass Bodybuilding es nicht sei: modern. Zunächst aber scheint es vonnöten, begriffl iche Klarheit zu schaffen.
Erster Satz: Das Amalgam und das Numinose
Den Begriff, die Vorstellung, die Phantasie des Raums benutze ich als ein Amalgam mannigfaltiger, gegensätzlicher oder einander ergänzender Raumdefi nitionen, als ein Hybrid aus physikalischem Raum, atomistischem Raum, kantschem Anschauungs- und Erfahrungsraum, Foucaultschem Lagerraum und kosmologischem Raum. Das klingt widersinnig, unscharf, beliebig? Das ist es! In diesem aporistischen Amalgam neutralisieren sich die Komponenten und ergeben einen neu zu besetzenden, neu zu belebenden Raum - den Leerraum. Leer nicht im Sinne von abwesend, sondern von der totalen Anwesenheit, von einer Über-Präsenz, die kein Mensch ertragen kann. Totale Fülle aber ist Leere, da Unterscheidung nicht mehr möglich ist. Diesen Raum, den entgrenzten, den amalgamierten, möchte ich den modernen Raum nennen. Dabei setze ich eine latente Angst des modernen Menschen vor der aleatorischen Allmacht des ihn umgebenden (Leer)Raumes voraus, die ich später als Initiation jeder individuellen Bodybuildinglaufbahn interpretieren werde, und behelfe mich bei der Umschreibung dieser diffusen Angst mit dem zugegeben ent-kontextualisierten Begriff des Numinosen, wie ihn der Religionswissenschaftler Rudolf Otto gebraucht. Otto defi niert das Numinose als „das Heilige minus seines sittlichen Moments“, als ein „mysterium tremendum“, also als ein Gefühl des schauervollen Geheimnisses, welches etwa die Betrachtung religiöser Denkmäler und Bauten evoziert. Er zählt zu diesem Schauern die Momente des Kreaturgefühls, des Tremendum, des Übermächtigen („majestas“), des Energischen, des Mysteriums, des Fascinans und des Ungeheuren. Sprich, er ersinnt einen metaphysischen horror vacui. Ich würde dies mysteriös-ungeheure Schauern nicht nur auf Kirchen beziehen, die zumindest mich nie haben erschauern lassen, es sei denn, da sie meist schlecht beheizt sind, sondern ganz allgemein auf den modernen (Leer)Raum, wie ich ihn oben beschrieben habe - als einen „offenen Raum“, um Eco abzuwandeln, der sich selbst in befl issen amalgamierten Begriffen einer Deutung entzieht. Man muss dafür nicht das Heilige oder gar Gott herbeizitieren, der sich ja ohnehin, empirisch betrachtet, selten herbeizitieren lässt. Der Raum der Moderne ist das Numinose minus das Heilige plus die notorische physikalische Komponente. Eine Variable, eine schauerliche Ungewißheit – wiewohl der moderne Mensch, im Freizeitdress durch den Freizeitstress roboternd und auf die tägliche Ration Ratio bauend, sich diesen Schauer freilich nicht zugesteht. Er erfi ndet lieber klangvolle Krankheitsbilder wie „soziale Phobie“, „larvierte Depression“ oder wahlweise „Paradies-Depression“, das „Sissi-Syndrom“ oder „Leisure Sickness“ und organisiert sich in Vereinigungen wie der „Koalition für soziale Angststörung“. Diese indes sind nur Deckmäntelchen, unter jenen die Pharmaindustrie wohlig ruht.
Zweiter Satz: Zäsierte Leere
Wenn ich im folgendem von Raum sprechen werde, so ist folglich immer der Leeraum gemeint, da sich, wie oben beschrieben, die heterogenen „Qualitäten“ (Bachelards) des entgrenzten Raumes gegenseitig zu neutralisieren scheinen. Es gibt keinen „Vollraum“ (mehr). Unser Raum ist vielmehr zäsierte und fragmentierte Leere, umgeben von weiterer Leere mit ungewisser Grenze und weiteren ungewissen Zäsuren. Foucault sprach zurecht davon, dass „die aktuelle Epoche eher die Epoche des Raums“ sei. Und weiter: „Ich glaube also, daß die heutige Unruhe grundlegend den Raum betrifft, jedenfalls viel mehr als die Zeit.“ Er sieht also die Unruhe als Charakterzug des modernen Menschen im modernen Raum. Ich werde später darauf zu sprechen kommen, inwiefern sich diese Unruhe im Bodybuilding verfl üchtigt. Dieser Essay handelt zunächst einmal von der These, dass im Bodybuilding ein Prozess der Raumverdrängung und Neudefi nition von Raum statt fi ndet. Anders ausgedrückt: je indefi niter, je leerer der Raum ist, desto stärker arbeitet der Bodybuilder an einem defi niten Gegenraum, an seinem Körper und an einer Mentalität, die die Schaffung eines solchen erst ermöglicht. Zu Beginn einer Bodybuilding-Karriere steht das unruhige, beunruhigende, ruhelose Gefühl, klein zu sein, eher noch, nicht vorhanden zu sein. Noch nicht vorhanden. Doch „klein“, oder, übersetzt ins emotionale, „unbedeutend, minderwertig“, bedeutet nichts anderes, als das etwas anderes größer, bedeutender, umfassender ist. Was ist dies nun? Alles, was die Variable „dies“ beinhaltet, ist immer auch und vor der Raum, der moderne Raum, kein Raum, mit dem man sich messen, mit dem man konkurrieren könnte, sondern einer, der einen wortlos anschaut, sein Maul aufreißt und einen verschluckt. Ein letztes sei noch angemerkt in diesen einleitenden Sätzen: wenn ich vom Bodybuilder als solchem spreche, meine ich einen Bodybuilder. Ich meine keinen Freizeitsportler. Ich meine keinen Fitnessbewußten. Ich meine keinen Kraftsportler, keinen Zehnkämpfer, keinen Powerlifter, keinen Wrestler, keinen Schwergewichtsboxer. In fast allen Ausführungen über Bodybuilding werden diese Begriffe stets munter vermischt. Ich indes meine das Extrem. Ich meine diejenigen, die ihren Alltag völlig dem Eisen unterordnen. George Butlers und Robert Fiores hochgradig manipulative, nichtsdestotrotz und gerade deshalb aufschlussreiche Dokumentation „Pumping Iron“ über Arnold Schwarzenegger und Konsorten in den 70er Jahren offenbart ihre Mentalität wie kein anderes Zeitdokument.
Dritter Satz: Der Bodybuilder als Seismograph
Ein noch-nicht-Bodybuilder fühlt sich zunächst so, wie Giacomettis Plastiken sich fühlen müssen: die Fülle der Leere scheint sie von allen Seiten zu komprimieren. Fast alle begannen sie so. Klein. Dürr. Schutzlos. Joe Weider, Gründer des Muscle & Fitness Magazines, Supplement-Hersteller und Guru der Bewegung. Henry Rollins. Mike Katz. Und, und, und. Der Bodybuilder ist der sensible Seismograph der Macht des modernen Raumes, des Numinosen in des Kaisers neuen Kleidern, und sensibel, das sind Bodybuilder in der Tat. Zunächst spürt der Bodybuilder nämlich intensiver als seine Mitmenschen, dass unser Geschlecht in einer so prallvollen Leere festsitzt, die sich zudem auszudehnen scheint, dass er nicht anders kann, als eine Revision, eine Neuinterpretation und Umkehrung des horror vacui zu vollführen: anstatt den Leerraum mit Gegenständen, Dingen, Accessoires zu füllen, Hochhäuser zu bauen, Tunnel zu graben, Nippes zu kaufen, Volumen in Volumen zu schichten, füllt der Bodybuilder den Raum mit sich selbst, mit der Maschine seines Fleisches. Andere defi nieren den Raum mit ihren Gedanken, inskribieren Defi nition, Meinung, Ansicht, Glauben, Postulat in die Leere, um sie tion, zu ertragen, fi nden mal Gott, mal Godot, letztendlich Gorlok. In dieser Beziehung ähnelt der Bodybuilder zunächst einem guten Christenmenschen: er fühlt instinktiv, dass er als menschliches Wesen nicht vollendet ist, dass der Schöpfer ihn als einen Unvollkommenen schuf. Anlass zur Demut? Mitnichten. In Würzbergs Prosa-Intro zu „Muskelmänner in den Maschinenhallen der neuen Körperkultur“ betrachtet ein Kraftsport-Neuling seine Oberschenkel und empfi ndet sie als zu dünn. Anders ausgedrückt: er empfi ndet den sie umgebenden Raum in all seiner Leere als zu groß, zu dominant. Er spürt seine Nichtigkeit. Der Bodybuilder als solcher schaut hoch zu den Sternen und anstatt das majestätische Himmelszelt als Trigger romantischer Regung aufzufassen, erscheint es ihm als eine erdrückende Gewalt, als numinose Macht, er darunter - ein Wicht. Vom Wicht zum Wuchten aber ist es nur ein kleiner Schritt.
Vierter Satz: Hiob und der Expander
Denn nun vollzieht der Bodybuilder den Sündenfall. Noch ist er Schöpfers Liebling, demütig vor diesem schauerlichen Raumwust kauernd wie ein Hiob, die Allgewalt in jeder seiner Fasern pulsierend. Aber dieser Engel wird fallen, wird nicht wie im Blues an der Crossroad, sondern am Cable-Cross seine Seele verkaufen. Hiob wird die ihm auferlegten Prüfungen abschütteln, wird nicht einsehen, dass ihm Herde, Weib, Kinder und Felder genommen werden, nein, er kauft sich einen Expander. Er expandiert. Der Intellektuelle füllt den Raum mit dem Ejakulat seiner Synapsen, Dendriten, Transmitter. Der Bodybuilder ruft: Kein Bildnis machen soll ich mir, so werde ich denn ein Bildnis! Die Schaffung eines Bildnisses wiederum hat viel zu tun mit dem Wunsch nach Unsterblichkeit - „Wir haben gegen die Todesangst nur die Chance, uns ein Bild zu machen“ schreibt Dietmar Kamper. Zu ergänzen wäre: Oder uns zum Bild zu machen. So haut der Bodybuilder sich und seine Angst, sein mysterium tremendum, in Fleisch. Wichtig an diesem unbotmäßigen, anmaßenden Vorgang ist freilich die Funktionalität der Füllmasse, die der Bodybuilder ins Numinose injiziert, nämlich der Muskelmasse, nicht der Fettmasse, denn letztere ist passiver Natur, ist gänzlich pathosfrei, ist gänzlich ungeeignet, dem Agens-Anspruch der Morphemreihe „verdrängen“ gerecht zu werden. Fettarchitektur ist wie in Paul Austers „Mond über Manhattan“ gleichsam ein Bollwerk, unbeweglich, abfedernd, Fett ist wie ein schützender Kautschukring um das Gestell eines Gokarts. Fett ist behaglich. Der Bodybuilder aber fürchtet das Fett. Seine Architektur ist episch und sie soll expandieren, sie drängt hinaus, immer den Rändern des vor sich selbst fl üchtenden Universums nach, denn er wähnt sich, nachdem er das Giacometti-Stadium hinter sich gelassen hat, bald ähnlich gewaltig wie der Kosmos, den er verdrängt, von dem er sich distanziert und dessen potenzieller Unendlichkeit er mit seinem endlichen Körper gleichzeitig nachstrebt. „Bewußtes Distanzschaffen zwischen sich und der Außenwelt darf man wohl als Grundakt menschlicher Zivilisation bezeichnen“, hat Aby Warburg geschrieben. Der Bodybuilder als ultimativ Zivilisierender, als ultimativ Zivilisierter? Ein ulkiger Gedanke. hältnis zwischen innerer angstzäsierter Leere und äußerer Leere, zwischen potenziell unendlichem Außenraum und endlichem Körperraum variiert, übersetzt er Ego in Fleisch. Der Bodybuil- Bodybuilder ist einer, der Nietzsche nicht gelesen, und ihn trotzdem falsch der verstanden hat (wie alle ohnehin, die Zarathustra mit Nietzsche verwechseln). Er haut sich den Übermenschen in Fasern, Sehnen, Knochen, er wartet nicht, bis man ihm ein Denkmal baut, er baut sich das Denkmal zu Lebzeiten selbst, statt durch einen Sockel erhöht und überdehnt er seine Person ganz einfach durch exal- exaltierte Wadenmuskulatur. Die Raumverdrängung durch Fleisch- tierte Fleischexpansion ist nicht zuletzt auch die Verkörperlichung gelebter expansion Einsamkeit, die Umkehr internen emotionalen Driftens in extern expandierende Materie. Wiewohl der Bodybuilder in seiner Sub- Subkultur natürlich wiederum Gemeinschaft fi ndet: „Die verbindende kultur Kraft des Körperlichen ist seit jeher bekannt. [...] Ähnlich wie Kameraden im Schützenloch“, wie Lisa Lyon schrieb. Doch als Bodybuilder schafft Mensch zunächst - nicht nur räumliche - Dis- Distanz zur Umwelt und zum Ummensch, welcher dem Bodybuilder tanz Verachtung entgegen bringt, da jener transformatorische Prozesse durchläuft, die Bürger Bieder fürchtet. Hybris ruft Hydra, Hybris ruft Hydra! So schallt es aus den Reihen der Körperlosen. „Die Urangst der Schmächtigen vor den Muskelbergen“ titelte anno 2000 die Gazette Welt. Und ein sportsoziologischer Aufsatz aus den 80er Jahren orakelt: „In der Subsinnwelt “Bodybuilding“ appräsentiert der Körper nicht mehr nur Anzeichen einer wie auch immer gearteten Befi ndlichkeit des Subjekts: auch ist er nicht nur Ausdrucksfeld kommunikativer Zeichen, sondern zugleich und intendiertermaßen ein Symbol eines nichtalltäglichen Bewußt- Bewußtseinszustandes.“ Nichtalltägliche Bewußstseinszustände werden in seinszustandes.“ einem bestehenden System notwendigerweise mißtrauisch beäugt. Codes werden verletzt. Berechenbarkeitsraster aufgehoben. In den Special Features der neuesten, digital remasterten DVD-Edition von „Pumping Iron“ fi ndet Arnold Schwarzenegger etwas weniger verquaste Worte. Die Kamera sichtet ihn und einige Mitpumper in einem Restaurant, ein jeder bergeweise Fleisch, Eier, Nudeln in sich hineinschaufelnd, drumherum sitzen nichtpumpende Gäste und beäugen argwöhnisch die mampfenden Herkulesen. Grin- Grinsend radebrecht Schwarzenegger, er liebe es „to shock people.“
Sechster Satz: Das Fälschungsbild der Moderne
Für den Bodybuilder gilt also, was Zarathustra spricht: „Hüte dich vor den Guten und Gerechten! Sie kreuzigen gern Die, wel- welche sich ihre eigne Tugend erfi nden, - sie hassen den Einsamen.“ che Mit Platon: es gibt nur Gutes, und auch ein Bodybuilder ist ein guter Bodybuilder, wenn er denn eben gut bodybuildet. Dadurch, dass der Bodybuilder mittels epischer Fleischarchitektur die Leere einige Zentimeter von sich weist, signalisiert er seinen statistisch durchschnittlichen Mitmenschen, dass er nicht mehr bereit ist, den horror vacui mit ihnen zu teilen. So zieht er sich Hass zu. Denn die Psyche des modernen Menschen ist wie eines jener Ori- Original- Fälschung-Rätselbilder, auf welche Illustrierte und mittägli- ginal-mittägliche wie auch mitternächtliche Low-Budget-Fernsehquizzes gerne che zurückgreifen. Da heißt es dann: „Im rechten Bild sind X Fehler versteckt. Finden Sie sie?“ Das Problem ist, dass bei der modernen Fälschung zwar X Fehler angegeben, aber nur, sagen wir, X minus 3 vorhanden sind. Der moderne Mensch sucht ein Leben lang nach den übrigen Fehlern, unfähig, sie zu fi nden, weil sie gar nicht existieren. Der Bodybuilder indes spielt ein anderes Rätselspiel. In seiner Fälschung sind X Fehler angegeben und auch X Fehler versteckt. Das Originalbild in seinem Quiz ist ein Acheiropoietos eines Körpers, eine platonische Idee des Körpers, ein unveränderliches, von höherer Instanz geweihtes Urbild. Verewigt im Schweißtuch des Herkules. Im Mandylion Conans. In der Ikone Arnold. Das Fälschungsbild ist der Bodybuilder selbst. Er diagnostiziert die Abweichungen vom Urbild und beginnt mit der Arbeit. Der moderne Mensch indes sucht und zetert, immer verzweifelter. Sein Hass belegt seine ungebrochene Vernunftsgläubigkeit: auch hasst er den Bodybuilder, da dieser Dinge tut, welche zutiefst unvernünftig sind, irrational, überfl üssig - die Muskelmassen sind nicht brauchbar, die Typen sind nicht sexy, die Frauen sehen aus wie Männer, und zu guter letzt verbraucht Bodybuilding massig Energie, die der Volkswirtschaft verloren geht. Diese soziale Ent- Funktionalisierung, diese Ent-Semantisierung grenzt den Bodybuilder ab von anderen Besessenen, von Managern, von Workaholics, die sich für ein politisches oder gesellschaftliches oder auch nur wirtschaftliches Ziel schinden, oder von Profifussballern, die immerhin gegen einen fleischlichen Gegner antreten.
Siebter Satz: Heimat Sucht
Das Schöne, das Wärmende, das Behagliche am Bodybuilding ist: es existieren klare Referenzpunkte. Das gibt angesichts der Allmacht des entfesselten Numinosen Halt. Insofern liegt Jean Baudrillard falsch mit seiner gewohnt neurotisch-paranoid gefärbten Meinung, Bodybuilding gehöre ins Reich des Selbstreferenziellen, sei also ein Simulakrum, etwas, das auf sich selbst verweist, außerhalb seiner Selbst keinen Sinn ergibt, ein Reales ohne Ursprung. Ganz im Gegenteil: Bodybuilding ist hochgradig referenziell, wie beschrieben, und es ist auch direkte Reaktion, nämlich auf die real existierende Leere, auf den Leerraum; Leere vereinnahmend, Leere ausgrenzend. Nichts anderes muss der Bodybuilder tun, als den Gesetzmäßigkeiten des Urbilds am eigenen Leib gerecht zu werden. Sein Rätsel ist lösbar. Darum beneidet und hasst ihn der moderne Mensch. Man führe sich nur einmal die Ausführungen auf der Homepage des Natural-Bodybuilders Berend Breitenstein zu Gemüte: Diese Gewißheit! Dieser Zentrismus! Wie verführe- verführerisch! „Ich liebe diesen Sport“. Punkt. Dann die vollkommene risch! Sicherheit, was zu tun ist: nach 18 Uhr kaum noch Kohlenhy- Kohlenhydrate, 1,6 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht, Split- Training, vier, fünf mal die Woche, Enthaltsamkeit, ausreichend Schlaf. Sucht! Sucht!- krakeelt der körperlose moderne Mensch über seinem unlösbaren Preisrätsel. Und sieht nicht, dass Sucht immer auch Sicherheit bedeutet. Verortung. Heimat. Sucht ist Laster ist Lust ist Leben. Sucht ist nicht gleich Sucht. Es gibt nur kulturell subventionierte oder kulturell stigmatisierte Süchte. Des Bodybuilders Sucht ist Ausdruck der Abkehr vom Rätselbild der Moderne. Und nicht nur der Moderne, freilich. Zwar erreicht er das Urbild nie. Doch er erreicht immerhin den Weg zum Ziel. Der Rumpf V-förmig, die Adern gut sichtbar, die Haut kakaobraun, die Zähne blendweiß. Seine Zeitgenossen irren durch die Supermärkte: Heute mal chinesisch? Oder doch vielleicht Lachs? Edamer oder Gouda? Fischstäbchen oder Vollkornreis? Der Bodybuilder kauft Eier, Haferfl ocken, mageres Fleisch und Nudeln. Im Fachgeschäft erwirbt er Creatin, Glutamin, Whey-Protein-Isolat, Weight-Gainer, L-Carnitin-Drinks und Aminosäurentabs, manche unter der Ladentheke Steroide und Anabolika. Seine Zeitgenossen hadern mit sich: Badminton? Oder doch vielleicht Kletterverein? Nordic-Walking-Treff? Der Bodybuilder variiert höchstens seinen Trainingsplan um den Stimulus auf den Muskel zu erhöhen oder betreibt eine Sportart, die seiner Architektur förderlich ist. Er macht Sätze à drei, à sechs, à zwölf, à zwanzig Wiederholungen um rote und weiße Muskelfasern gleichsam zu fordern. Seine Zeitgenossen fragen sich: Schlafen? Fernsehen? Freundin verlassen? Job wechseln? Ein guter Bodybuilder weiß, wie Schwarzenegger in „Pumping Iron“ ausführlich erläutert: Stress schadet. Stress führt zu erhöhtem Kortisol-Ausstoß. Dieser wiederum führt dazu, dass Protein abgebaut wird, vereinfacht ausgedrückt. Also meidet der Bodybuilder Stress und fundamentale mentale Veränderungen. Ein befreundeter Bodybuilder erzählte mir, dass er während einer ihn psychisch stark belastenden Ehekrise nachts immer wieder schweißgebadet aufgeschreckt sei, nicht aus Angst, die neben ihm schlummernde Gattin zu verlieren, sondern vielmehr die Muskelmasse, für die er ein Jahr hart geschuftet hatte. Seine Trutzburg gegen die Leere schwand. Das Kortisol nagte an ihm und er erblickte in sich wieder jene Figur Giacomettis, vom Raum umdrungen, umschlungen, verschlungen, auf einen Strich reduziert, ein Nichts, ein Wicht.
Cool Down / Finale
Dieser Essay endet nicht mit einer Zusammenfassung, nicht mit einem Resümé, nicht mit einer Conclusio. Vielmehr stellt sich beim Autor, also bei mir, in mir, wohl auch wegen mir, eine leichte Verwirrung ein, wiewohl es selbstredend möglich ist, dass die Entstehung dieses Textes nichts anderem als einer schon vorhandenen leichten Verwirrung verschuldet ist. Doch jene sich nun anbah- anbahnende Wirrnis scheint sich nicht etwa zu manifestieren, weil ich nende dem über einen längeren Zeitraum verteilt Geschriebenen auf- aufgrund gewandelter psychischer Disposition nicht mehr zu folgen, also mir nicht mehr zu folgen in der Lage wäre, sondern weil sich mit tremendös-mysteriöser Macht, mit unerbittlicher Vehemenz ein Bild, eine Erinnerung vor mein inneres Auge drängt, das ich zu ignorieren nicht in der Lage bin, wie sehr ich auch fokussiere, mich auf mein zu behandelndes Sujet besinne, mich krampfhaft konzentriere wie beim Bankdrücken, ganz auf die Bewegung, das Emporwuchten des Gewichts, die Atmung, so auf die Worte, den Sinn, den Unsinn, die Hinfälligkeit der Sinnfälligkeit. So versuche ich nun also, die ikonologische Arbeit dem Leser überlassend, dieses Erinnerungsbild in Textform zu übermitteln. Nur eine leise Ahnung ist es, die sich einstellt, die mich vermuten lässt, ich könnte, wenn ich den nötigen Eifer aufbrächte, auch selbst herausfi nden, warum jene Erinnerung just beim Schreiben dieses Essays sich mir immer wieder ungefragt aufdrängt. Eine leise, eine zu leise Ahnung, die ich selbst mit einem wattstarken Marshall-Verstärker nicht amplifi zieren könnte. Ich bemühe mich gar nicht erst. Die Erinnerung also ist jene: Letztes Jahr besuchte ich zwei Konzerte der kalifornischen Popband Cake, die es wie keine andere mir bekannte Kapelle versteht, meinen geistlosen Drang nach Naivität einerseits und meinen naiven Drang nach Geistreichtum zu befriedigen. Es war in der Darmstädter Centralstation, das Konzert war wunderbar, die Menge gelöst, belustigt, enthusiasmiert. Man hatte getanzt, man hatte Humpen um Humpen geleert, man zeigte sich erfreut über Ironie und Wortwitz und Hintersinn der Lyrik John McCreas, welche man freudig mitsang, sprich, die Welt war, obwohl sie durchaus als zu bezweifelnde besungen worden war, für eine kurze Zeit mächtig, mächtig heil. Da verkündete nach dem letzten Song McCrea, dieser schrullige schirmbemützte Weise des Pop, einen Satz, den ich in diesem Kontext, zu diesem Zeitpunkt, in dieser kollektiven Verfassung nie wieder vergessen werde.
„There is no hope.“
Sprachs und ging von der Bühne. Ich verabschiede mich und folge ihm _________________ Keep it simple! |
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IvanDrago primus inter pares

Anmeldedatum: 21.02.2003 Beiträge: 1309
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Verfasst am: 31.08.05 | 13:18 Titel: |
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Ein zwar erstmal abstrakte Vorstellung von der Grundmotivation eines Bodybuilders seinen Sport zu betreiben, durch und durch aber eine gut umrissene Argumentationskette. Irgendwo gefällt und schmeichelt einem diese Betrachtungsweise, die Abstand nimmt von der üblichen, ja regelrecht durch Psychoanalyse und der damit fast automatisch verbundenen Krankheitsbegriffe wie "Adoniskomplex", geprägten Einstellung des Durchschnittsbürgers diesen Sportlern gegenüber. Diese begründet der Autor auch ansehnlich mit dem Neid ja fast schon Hass seitens derer, die diesen Sport zwar öffentlich verspotten, doch nur aber aus innerer Unsicherheit, die so offensichtlich gegenüber der Geradlinigkeit des fixierten Bodybuilders zum Vorschein tritt. "Ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie, ein Ziel."
Das fehlt den Menschen heute und was man nicht hat, darum beneidet man den Besitzenden.
Eine gute Feststellung:
| Zitat: |
| Sucht ist Laster ist Lust ist Leben. Sucht ist nicht gleich Sucht. Es gibt nur kulturell subventionierte oder kulturell stigmatisierte Süchte. |
und ein passendes Zitat zu der noch heute gültigen "Moral":
| Zitat: |
| Hüte dich vor den Guten und Gerechten! Sie kreuzigen gern Die, welche sich ihre eigne Tugend erfinden, - sie hassen den Einsamen. |
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